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Dark Spy Juni 2008

STRAFTANZ – DARK SPY

DARK SPY: Wie würdet Ihr das Projekt STRAFTANZ mit eigenen Worten beschreiben? Welche Philosophie steckt hinter diesem Konzept?

STRAFTANZ: Als Straftanz als Projekt definiert wurde einigten wir uns auf folgende Beschreibung: “Straftanz ist eine künstlerische Maßnahme zur Beschreibung und Begleitung subkultureller Dynamik. Straftanz versteht sich als aktives Element und Bestandteil der industrial Kultur. Als dieses beobachtet, filtert und verdichtet es Veränderungen und speist das Ergebnis dieses Prozesses in Form von Musik, Bild, Bewegtbild, Tanz und Aufführung ein. Diese Rückkopplung führt zu einem steten Fluss.” Während der gesamten Entwicklung des Projektes hat sich diese Aussage immer wieder bestätigt und lässt sich durchaus als Konzeptthese verstehen. Straftanz polarisiert und erzwingt Reaktion. Reaktion schaft Bewegung und die haben viele nötig.

DARK SPY: “Tanzt kaputt, was Euch kaputt macht!” ist der Titel der Single, deren Veröffentlichung jetzt in diesen Tagen ansteht und der auch in einer eigenen Version auf der beiliegenden DARK SPY CD-Beilage vertreten ist. Wann dürfen wir mit dem Erscheinen des Albums rechnen?

STRAFTANZ: Größtes Unheil, bitterster Wermut wird sich ergießen vom Himmel hernieder auf Eure armen Häupter und da werden Blut und Tränen fließen als schmutziges Rinnsal in pechbrennende Ozeane des Leides, da wird sein ein großes Heulen und Zähneklappern wenn die straftanzenden Horden euer müdes, weißes Fleisch ohne Gnade zertreten, wenn der Grind eure Glieder nimmt, am Freitag dem 13. Juni 2008. Und dann ist es noch immer nicht zu Ende.

DARK SPY: Wem kommt in der Band welche Aufgabe zu?

STRAFTANZ: Straftanz ist als Kollektiv zu verstehen, dass sehr offen ist für die Ideen dritter. Die Liste direkt und indirekt Beteiligter ist lang und interessant, der Kopf des ganzen besteht allerdings wie Du richtig erkannt hast aus einem Komitee bestehend aus k-x, lead Vocalist und Frontmann, j-ing, Musikarchivar, DJ und Experte für das richtige Schreien, -jl-, LiveVJ, Medien, künstlerische Beratung und dem Cyberdominator, Produktion, Konzept.

DARK SPY: 2007 waren STRAFTANZ zu dritt, jetzt seid ihr zu viert. Was war der Grund für Deinen Einstieg in die Band?

STRAFTANZ: Jörg ist als festes Mitglied rekrutiert worden unter anderem als LiveVJ und für die Aufrechterhaltung der Rechtgläubigkeit. Straftanz hat festgestellt, dass Live-Video besser ist als Fernsehen, Fantasie wichtiger ist als Wissen, weil sich letzteres selbst begrenzt und so stellt -jl- seine gesamte Inkompetenz zur Verfügung. Weil es wichtig ist auf der richtigen Seite zu stehen. Wir gewinnen.

DARK SPY: Bei einem Vergleich der Intensität der Texte mit denen anderer Bands könnte der Eindruck entstehen, STRAFTANZ sei eher als „Fun-Projekt“ anzusehen. Stimmt es, dass es Euch hier stärker ums Tanzen, als um Tiefe und das Erzählen von Geschichten geht?

STRAFTANZ: Es geht um Clubmusik. Nicht um Musik die zufällig im Club läuft, sondern um Musik die dafür gemacht wurde. Wir brauchen keinen “Club Edit” damit die Stücke am Tanzboden funktionieren. Beim Tanzen Betroffenheit über den zweiten Weltkrieg, schlimme Krankheiten oder Serienmörder zu empfinden erscheint uns ähnlich absurd wie beim Treppensteigen über die auf der letzten Stufe überwundene Masseträgheit nachzudenken. Wir haben die ewige Betroffenheits und Anklage Heuchlerei auf Stammtischniveau satt. Wir können und wollen einem schwitzenden, tanzenden Menschen nicht in 4 Minuten die Welt erklären. Das ist ein lächerliches Unterfangen. Würden wir auch noch versuchen Geschichten zu erzählen würde jemand kommen der uns sagt, dass unser Booking-Agent die nicht hören will. Das alles sagt aber nichts über die Intensität unserer Texte aus. Denn die ist enorm hoch. Wenn man in Griechenland über hundert Leute findet die “Straftanz” Wort für Wort mit schreien können ohne die deutsche Sprache zu beherrschen, dann beweist das eine enorme Intensität, die aber nicht in semantischer Analyse begründet ist. Club Sound analysiert man nicht. Man erfährt ihn.

DARK SPY: Euer STRAFTANZ-Logo erinnert stark an diverse Zeichen verschiedenster Organisationen. In dem Zusammenhang seien kurz die Stichworte „Hacking is not a crime“ erwähnt oder auch das Emblem der RAF. Der Titel “Tanzt kaputt, was Euch kaputt macht!” kokettiert mit einem Slogan der autonomen/anarchistischen Szene. Wieso setzt Ihr auf diese Assoziationen?

STRAFTANZ: Es ist eine Freude, dass Du das richtig erkannt hast. Die dunkle Clublandschaft ist für uns Heimat. Unsere Heimat steht seit langer Zeit in einem tiefen Konflikt zwischen Funktionären und Tänzern. Zwischen Dogmaten und offenen Geistern. Zwischen den ewig Gestrigen und denen die bald die Führung übernehmen werden. Da draußen sind DJs die Platten spielen deren Releasedatum im Schnitt vor ihrem ersten legalen Clubbesuch lag. Das stellt keine lebendige Subkultur dar sondern einen jämmerlichen Filz, einen Sumpf des Stillstandes und wir sitzen mittendrin. Wir haben die ewigen Oldieparaden satt, wir können das Gerede das gestern irgendwas besser war nicht mehr ertragen, dass die Jungen nicht lange genug Teil der Szene sind oder zu wenig Hesse gelesen haben um eine Meinung zu haben, dass irgendwas neues die ganze Subkultur kaputt macht die währenddessen ihren eigenen Stillstand feiert. Kernelement der Außerparlamentarischen Bewegungen war etwas wie ein Widerstand aus Verzweiflung, und dieser Bereich der 68er Bewegung, APO und so weiter generierte da einen reichhaltigen Fundus farbenfroher Bedeutungsschwangerschaft die in ihrer Symbolik, passend zu uns, fabelhaft eindeutig und einfach ist, aber im Mainstream allmählich zu bedeutungsleeren Hülsen wurde. So trugen dann irgendwann junge Menschen Bilder Kubanischer Revolutionsführer auf ihren T-Shirts deren Namen und Funktion ihnen unbekannt ist, deren Ikone aber trotzdem eine nicht verminderte Kraft hat. Der politische Hintergrund ist für Straftanz also völlig generisch. Nun sollte insbesondere in Hinblick auf den Text von “Tanzt kaputt, was Euch kaputt macht!” ein Sinnbogen erkennbar werden, den wir hier nicht präziser erklären wollen. Keine Ahnung, mehr davon.

DARK SPY: Die Problematik von Raubkopien bzw. illegaler Downloads wird in der heutigen Zeit immer drastischer. Wie positioniert sich STRAFTANZ zum Thema Filesharing?

STRAFTANZ: Wir glauben nicht dass die CD oder der verpackte Datenträger stirbt, aber wir wissen, dass der Datenträger nicht mehr das hauptsächliche Handelsgut eines Musikprojektes sein kann, wenn jeder Konsument Datenträger bespielen oder quasi herstellen kann. Entsprechend hat die CD eine andere Bedeutung erhalten. Sie ist ein Merchandise Produkt, etwas was sich der Fan ins Regal stellen und auch anfassen kann. Die Musik selbst verkauft man sehr viel mehr bei Konzerten und Livegigs als Dienstleister. Diese Entwicklung ist für viele Labels und Musiker sehr schwierig, der Markt ist stark reglementiert und daher sehr Reaktionsträge. Der noch immer verbreitete Glaube man könne diese Entwicklung durch schärfere Gesetze angehen ist falsch. Auch unsere Musik wird in Kürze im Netz zu finden sein weil irgendwer seine Promo Kopie “verliert” und wir können nichts dagegen tun. Das wollen wir aber auch nicht. Wir wissen, dass eine heruntergeladene Kopie keine verkaufte Kopie ist. Wir wissen, dass der private Tausch von Musik unsere Kultur bereichert und sogar ein Promotionkanal ist. Wir mögen es aber auch nicht das Konzept der sog. Piraterie schön zu reden. Wir glauben, dass sie im Wesentlichen eher schadet als nützt weil es den Trend verstärkt sein Geld für anderen Luxus als Musik auszugeben. Dennoch ist der Rechtsweg für uns kein Weg der Vernunft. Piraterie ist ein Geschäftsmodell und wir als Inhaltschaffende müssen uns darauf besinnen Wege zu finden konkurrenzfähiger zu werden. Inakzeptabel sind Äußerungen von Filesharern, vorwiegend in Foren, die immer noch davon ausgehen, dass die Musiker in Saus und Braus oder zumindest Saus leben und auch uns hat man zugetraut aus den Erlösen der Straftanz-Single zumindest einen Kleinwagen finanzieren zu können. Das ist ebenso infam, wie falsch: Der bei Straftanz gelandete Geldertrag aus der Straftanz MCD ist bis dato ein dreistelliger Euro-Betrag, also kleiner 1000Euro, wir jammern darüber nicht. Der Kleinbetrag liegt nicht daran, dass wir einen irrwitzig dämlichen Vertrag mit bösen zigarrenpaffenden Musikindustriemagnaten geschlossen hätten, bei dessen Unterschrift der Teufel vor Freude Mambo tanzte. Hier in dieser Szene können nur ganz wenige aus ihrem tun ihren Lebensunterhalt bestreiten, noch weniger sind vermögend. An so etwas wie Straftanz verdient sich bis dato niemand wund und in absehbarer Zeit  auch nicht. Wir kokettieren grade mit dem Gedanken nach angemessener Zeit unsere Einnahmen aus dem kommenden Album zu veröffentlichen, um diesem popindustriegeschwängerten Mythengewäsch den Boden zu entziehen.

DARK SPY: Ist ein Veröffentlichungsmodell beispielsweise unter einer Creative-Commons-Lizenz für Euch denkbar?

STRAFTANZ: Das ist schwer zu beantworten. Die Commons sind ein gutes und durchdachtes und auch unterstützenswertes Konzept zur Lizensierung von Inhalten, jedoch müssen dazu brauchbare, marktkompatible Geschäftsmodelle bestehen. Die sehen wir im Augenblick nicht. Wir wissen, dass Künstler wie zum Beispiel Hungry Lucie versucht haben diesen Weg zu nutzen, wissen aber nichts über den Erfolg. Wie wir schon sagten, der Musikmarkt ist stark reglementiert. Die Nutzung einer für den Rezipienten attraktiven CC Lizenz setzt voraus, GEMA frei zu sein, was das Erreichen von Geldern auf der Verwertung schwer macht, ein Label und Vertrieb zu haben die es OK finden, dass das Produkt das die verkaufen wollen auch offiziell und kostenlos in bester Qualität im Netz verfügbar ist. Unwahrscheinlich. Ohne Label und Vertrieb gibt es gerade für Indieprojekte z.B. kein Werbebudget das mittelbar auch einen Teil Deines Honorars bezahlt. So erstrebenswert eine große Menge guter Commons lizensierter Inhalte wäre, die Finanzierbarkeit solcher Produktion ist für uns im Augenblick fraglich, insbesondere wenn es einen Anteil von Musikern geben soll, die davon in der Tat Leben kann. Vielleicht mag der DarkSpy ja mal in diesem Feld Recherche betreiben und Möglichkeiten aufzeigen. Wir sind da gerne behilflich.

DARK SPY: Wo kann man Euch demnächst live erleben? Ist Leipzig für Euch ein wichtiges Ereignis?

STRAFTANZ: Es sind weitere Live Shows im Gespräch, unser konkreter Terminkalender erschöpft sich in diesem Jahr aber bis auf weiteres auf das WGT. Wir werden dort im Werk2 spielen und hoffen dass viele kommen werden. Niemand wird sich langweilen. Der WGT Gig wird ohne jeden Zweifel eine entscheidende Promotionswirkung haben und entsprechend werden wir unser bestes geben. Die Revolution strebt nicht in das Exil. Persönlich wichtiger noch waren uns allerdings zumindest bisher die Club Auftritte, wie zum Beispiel im schönen Wien, letzte Woche.

DARK SPY: Wollt Ihr Euren künftigen und bestehenden Fans noch etwas sagen?

Die Tanzflächen organisieren. Den Straftanz entfalten. Vor. Zurück. Voran.

Vielen Dank für das Interview!

André Piewak

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