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Orkus Nr. 6, Juni 2008

Auf dem Tanzboden und bei Konzerten werden es Feierwillige stets bevorzugen, etwas wie 1,2,3,4 – Los! Zu schreien, als den kategorischen Imperativ zu rezitieren

Die Frage, wie sich die sogenannte schwarze Szene entwickeln wird, ist oft Diskussionsthema – meist ohne wirkliches Ergebnis. Allein die Tat ist, was zählt. Das haben sich auch die Musiker von Straftanz gedacht, die mit ihrer selbstbetitelten Single für einen kontrovers aufgenommenen Clubhit sorgten. Der komplette Straftanz-Katalog folgt nun auf dem Fuße: Forward Ever, das Fulltime-Debut, dürfte sicherlich ähnliche Reaktionen hervorrufen. Für die Künstler ein nachvollziehbarer Schutzreflex: “Es gibt kein Zurück. Jede lebendige Kultur entwickelt sich und jene die uns verdammen und fürchten tun das aus der eigenen Angst heraus bald auf dem Abstellgleis zu stehen, weil sie die Kultur, die nicht mehr die ihre ist, nicht mehr verstehen. Wir müssen keine Hakenkreuze aus dem Keller holen um irgendwen zu provozieren. Wir müssen keine Leichen zeigen um irgendwen zu schockieren. Das ist vorbei. Der weiche Unterbauch der Szene ist genügend empfindlich geworden, dass allein ein “Straftanz” ausreichte um zum Eklat führen.“

Will man ergründen, was genau das Faszinierende oder aber Provozierende an Straftanz ist, kommt man schnell zu dem Schluss, dass schon die totalitäre Attitüde und die bedingungslose Tanzbarkeit auffallen. Forward Ever kultiviert dies weiter. Mit seiner frischen Scheibe hebt das Quartett zu einer Erneuerung der Szene an: „Das Album wurde auf den Clubeinsatz optimiert und wird die Szene erneut erschüttern. Unser Sound wird überall, unser Ruf jederzeit vernehmbar sein. Es wird ein Zeichen setzen, eine Richtung weisen. Zeigen, dass ein anderer Club möglich ist. Ein Club in dem der DJ keine Jukebox ist, in dem die Tänzer dem DJ vertrauen können, dass sie auch in fünf Minuten noch tanzen können, ohne sich gezwungen zu fühlen,  Wunschlisten voll zu schreiben oder auf die Hits zu warten.“ Die assoziativ verwendeten Begriffe sind daher ein logisches Element des Gesamtkonzeptes. „Unsere Texte sind selbstverständlich reduziert, denn sie müssen prägnant auf den Punkt kommen. Das liegt auf der Hand. Auf dem Tanzboden und bei Konzerten werden es Feierwillige stets bevorzugen etwas wie “1,2,3,4 -los” zu schreien als den kategorischen Imperativ zu rezitieren.“

Bis dato waren Live-Auftritte spärlich gesät. Doch auch hier hat das nordrhein-westfälische Gespann verschiedenste Resonanzen seitens der Zuschauer beobachtet: „Wenn sie nicht gerade der Ansicht sind, das wir sprachlich nicht ihr Niveau erreichen, oder bei 118dB den Sinn des Seins eruieren tun sie präzise das was wir erwarten. Sie reißen schreiend die Arme nach oben, tanzen auf der Bühne und singen mit uns, wenn wir sie darum bitten. dann sind wir glücklich und alle zusammen sind Straftanz.“ Trotzdem bleibt Unangepasstheit die Maxime. „Polarisierung ist gut; Everybody´s Darling zu sein, stärkt die Mittelmäßigkeit. jedweder Dialog, ob Ode des Hasses, Anschluss, Kritik oder Gehorsam ist uns wichtig. Konsens bedeutet Stillstand, Einigkeit macht träge. Egal wie, jede Reaktion, jede Gegenwehr zeugt von leben. die Masse an Bands da draußen, die sich hinter einer Anklage- und Betroffenheitmaske verstecken ödet uns an. Das der Zweite Weltkrieg, Nazideutschland, Serienmörder und so weiter kritisierbar und verachtenswert sind ist dermaßen selbstverständlich, dass ein Flippers-Schlager dagegen wie ein revolutionärer Akt wirkt. Diese Pseudoinhalte noch auf eine Tanzende Masse, die ihre Freizeit zelebriert,  in Teilen alkoholisiert und in Teilen balzbereit ist, abzufeuern und das dann tiefsinnig zu nennen, überspitzt das noch. das zeigt die Fratze des unbedachten oder/und kommerziellen Ausschlachtens von Leid, welches sozial, zeitlich und örtlich von der unmittelbaren Lebensrealität der tanzenden und konsumierenden zumeist nicht mal ansatzweise berührt wird. In unserer relativen Unberührtheit dann Bilder toter KZ-Häftlinge auf Projektionen nach Songende beim Konzert mit Applaus zu quittieren und das nächste Kaltgetränk zu ordern ist widerwärtig.”

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