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Zillo 06/2008

Zillo: Euer Album wartet mit einigen Gastsängern aus den unterschiedlichsten Genres auf.  Wie passen diese dann auch stilistisch sehr unterschiedlichen Songs in den Kontext von Straftanz?

Straftanz: Wo ist die Toleranz hin? Ist jedes verlassen der Ideallinie im Genrerennen unrecht? Dem herrschenden Purismus mussten wir etwas entgegen setzen. Mit Zwangskategorisierung muss endlich Schluss sein. Straftanz setzt ein Konzept durch, ohne sich sklavisch an die Vorgaben von selbsternannten Experten zu halten. Konzeptionelle Reinheit als Gleichheit zu missdeuten, bedeutet der Langeweile eine Argumentationsgrundlage zu liefern. Das liegt uns fern. Wenn jemand schon seinen Unterhaltungsausgleich durch Konsum unseres Albums entrichtet, soll er dafür auch mit Vielfalt und Liebe entlohnt werden. Wenn die Maschen im Netz zu eng sind kommt nur noch Brei durch.

Zillo: Überraschend ist sicherlich die Zusammenarbeit mit Kreator. Welche Verbindung gibt es zu Mille außer der nachbarschaftlichen? Und wie konnte man ihn für dieses musikalische Neuland gewinnen?

Straftanz: Es gab eine Zusammenarbeit mit Mille Petrozza. Wir haben miteinander gesprochen, haben über Straftanz gesprochen, haben über Kreator gesprochen, haben über uns gesprochen, über die dunkle Clubkultur, in der Mille sich gerne herumtreibt. Es schloss sich ein Prozess des Destillierens an, bis das Thema “Praise the Panic” uns eingefangen hat. Der Song schrieb sich dann von selbst, der Text gemeinsam, Gitarre und Refrainvocals von Mille. Eine beflügelnde, bereichernde Zusammenkunft mit jemandem, dem subversives Handeln nicht fremd ist., der aus eigener Erfahrung subversiv gewirkt hat und wirkt, der weiß, auf welcher Seite er steht.

Zillo: Laut eigener Aussage ist Straftanz dem Tanzboden verpflichtet. War der Industrial Streetfighting Dance-Truppe dabei von Anfang an klar, dass es auf dem Album nicht ausschließlich Industrial Streetfight Dance geben würde? Und wie lässt sich das einem Konsumenten vermitteln, der bisher zu „Straftanz“ und „Tanz Kaputt“ getanzt hat, und von Straftanz auch nichts anderes kennt?

Straftanz: Vermittlung stellt kein Ziel dar. Uns geht es um erleben. Straftanz lebt und atmet im hier und jetzt. Das ist das erste Album, da scheint es sinnlos sich von einer Erwartungshaltung versklaven zu lassen und zu Wunscherfüllern jedweder Vorstellung, was “Industrial Streetfighting Dance” ist zu werden. Wie die Singletracks bleibt das Album dem Tanzboden treu, der Dramaturgie eines Clubabends und das über die Wunschlisten hinaus. Dass es da kaum etwas zu vermitteln gibt konnte man bereits bei unseren Shows erleben. Unsere Spuren wurden nicht gemacht um verstanden zu werden sondern um zu funktionieren. Wir denken das Mannigfaltigkeit nicht verboten ist. Wir sind frei.

Zillo: Ein anderer Song heißt „Industrieschnee“ und ist eine Ode an eure Heimat, den Pott. Trotz hoher Arbeitslosigkeit und zum Teil harter Maloche eine der Gegenden Deutschlands, die bei ihren Bewohnern mit den höchsten Identifikationsfaktor des Landes genießt. Was meint Ihr, woher das kommt?

Straftanz: Je weniger Grund für einen Lokalpatriotismus besteht, desto stärker ist er. Rückschläge und der Anspruch an sich selbst, mit den vorhandenen Mitteln das zu erreichen, wo andere aufgeben würden, zeichnet den Wachstum und das pulsierende Leben des Ruhrgebietes aus. ausgrenzen der einen schweißt die übrigen zusammen. Heimat ist Heimat, kennst Du das nicht? Egal woher jemand kommt, geboren wird, niemand sollte seine Wurzeln und seine Herkunft leugnen. Man muss sie anerkennen, ihre Bedeutung verstehen, da ohne Identifikation dem Menschen die Plattform fehlt, auf der er steht. Auf Schlamm kann man kein Haus bauen. Wir wissen woher wir kommen und wir wissen wohin wir gehören. Glückauf.

Zillo: Der Albumtitel „Forward Ever“ deutet ja an, dass Straftanz stets vorwärts streben, den Blick nach vorne richten. Normalerweise wird diesem Ausdruck ja noch der Zusatz backward never hinzugefügt. Ist das für Euch so selbstverständlich, dass ihr es gleich ganz weggelassen habt?

Straftanz: Genau darum geht es, nach vorne schauen, Zukunft offen erwarten und ihr aktiv begegnen, den Kampf mit ihr aufnehmen, ihr Form geben und Gestaltungskraft beweisen. Zukunftspessimismus ist schon die selbsterfüllende Prophezeiung. Der Weg zurück war keine, ist keine und wird nie eine Option für Straftanz sein. Niemals. zukunftsschock auf Massenbasis. In Bewegung bleiben! Nicht erwischen lassen! Untertauchen! Alles ist für immer. Alles geht weiter. Panik genießen. vorwärts immer, rückwärts nimmer. Bis zum Ende der Hoffnung. Versprochen.

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